Profifußball - alles eine Frage der Mentalität?
Wenn die Freude am Fußball fehlt und die Beine schwer werden
Ich arbeite mit einem Profifußballer, der mir erzählt hat, wie sehr sich sein Spaß auf dem Platz unter einem neuen Trainer verändert hatte. Er ging nicht mehr mit Freude zum Training, freute sich auch nicht mehr auf die Spiele. Er merkte, dass ihm die Motivation fehlte. Das kennen wir, das haben wir alle hin und wieder, wenn wir ins Büro gehen oder wo auch immer wir unsere Arbeit tun. Bei meinem Spieler wurden zusätzlich seine Beine schwer, sein Antritt war plötzlich weg, im Eins-gegen-eins war er fahrig. Er sagte selbst, er fühle sich, als sei er zehn Kilo schwerer, was er nicht war.
Dazu kam, dass er das Spiel nicht mehr so lesen konnte wie vorher. Gerade dieser Zusammenhang beschäftigt mich: Da beschreibt jemand, wie ihm mit der Freude am Fußball auch etwas von dem verloren ging, worauf er sich in seinem Job bisher verlassen konnte. Was genau dabei zusammenwirkt, muss man sich genauer ansehen. Im Fußball haben wir für solche Veränderungen ja häufig schon eine Erklärung parat: die Mentalität. Klar, da ist was dran, aber mir ist das als Erklärung zu bequem, solange wir kaum darüber sprechen, wie es einem Spieler geht und unter welchen Bedingungen er seine Leistung bringen soll.
Was genau meinen wir eigentlich mit Mentalität?
Meinen wir, dass ein Spieler gewinnen will? Dass er nach einem Fehler weiter den Ball fordert, sich konzentriert oder in der 85. Minute noch zurückläuft? Unter dem Überbegriff der Mentalität finden wir im Fußball ziemlich unterschiedliche Dinge. Solange eine Mannschaft gewinnt, fällt diese begriffliche Großzügigkeit übrigens nicht wirklich auf. Nach einer Niederlage wird daraus aber sehr schnell ein Urteil über die Einstellung der Spieler, obwohl wir zunächst an sich nur gesehen haben, dass etwas auf dem Platz nicht funktioniert hat. Erinnern wir uns nur an die Kommentare bei der letzten WM nach dem Spiel gegen Paraguay.
In „Mind Match Fußball“ gehen Daniel Memmert, Bernd Strauss und Daniel Theweleit dieser Unschärfe nach. Das im Fußball so beliebte Wort „Mentalität“ beschreibt keine klar umrissene psychologische Eigenschaft. Motivation, Aufmerksamkeit, Selbstvertrauen und der Umgang mit Druck verdienen jeweils einen eigenen Blick. Ein Spieler kann unbedingt gewinnen wollen und ein „Mentalitätsmonster“ sein und sich trotzdem nach einem Fehler so sehr mit sich selbst beschäftigen, dass ihm die nächste Aktion nicht gelingt. Einfach immer Gas geben und gewinnen wollen hilft ihm in so einem Moment wenig.
Bei meinem Spieler wäre deshalb genauer zu klären, was sich unter dem neuen Trainer verändert hat, wie er das erlebt und womit er während des Spiels beschäftigt ist. So können wir besser verstehen, was zu seinem Leistungsabfall beigetragen hat. Mit dem Urteil „fehlende Mentalität“ hätten wir darüber noch gar nichts erfahren.
Wenn vertraute Abläufe plötzlich schwerfallen
Ein Spieler beschäftigt sich nach einem Fehlpass noch damit, wie der Trainer reagieren wird, während das Spiel längst weiterläuft. Er ärgert sich, zweifelt an seiner Entscheidung und will beim nächsten Ball unbedingt alles richtig machen. Damit ist seine Aufmerksamkeit teilweise bei Dingen, die ihm für die nächste Aktion nicht wirklich helfen. Laufwege, freie Räume und die Bewegung des Gegners muss er trotzdem erfassen und darauf reagieren – und zwar genauso schnell wie vorher.
In „Mind Match Fußball“ beschreiben die Autoren, wie Druck solche Aufmerksamkeitsverschiebungen auslösen kann. Dazu gehört auch, dass ein erfahrener Spieler plötzlich beginnt, eine Bewegung bewusst zu kontrollieren, die er über Jahre eingeübt hat: Wie muss ich den Fuß halten, wie genau den Ball treffen? Dieser zusätzliche Kontrollversuch kann einen vertrauten Ablauf stören. Sportpsychologisch wird ein solcher Leistungseinbruch unter Druck als „Choking under Pressure“ bezeichnet. Das kann auch einem hoch motivierten Spieler passieren, gerade dann, wenn ihm so viel daran liegt, dass die nächste Aktion gelingt.
Eine einzelne Drucksituation erklärt allerdings noch keine wochenlang schweren Beine. Im Buch schildert Philipp Lahm eine andere Erfahrung: Nach einer langen Saison und der anschließenden WM fühlte er sich trotz Sommerpause kaum erholt. Ihm tat nichts weh, die Motivation war vorhanden, trotzdem fehlte der Antrieb angesichts der nächsten Saison, in der sofort wieder Leistung erwartet wurde. Körperliche Beschwerdefreiheit und das Gefühl, wieder bereit zu sein, passten für ihn nicht zusammen.
Welche Rolle solche Vorgänge bei meinem Spieler gespielt haben, lässt sich aus seiner Schilderung allein nicht ableiten. Sie geben uns aber konkrete Ansatzpunkte für das Gespräch: Was beschäftigt ihn auf dem Platz, wie erholt fühlt er sich, und was erlebt er im täglichen Training? Dazu gehört dann naturgemäß auch, wie er die Zusammenarbeit mit dem Trainer erlebt.
Wie der Trainer mit seinen Spielern umgeht
Ein Trainer entscheidet über Einsatzzeiten, Aufgaben und darüber, wer am Wochenende spielt oder auf der Bank sitzt. Wenn ein Spieler ihm erzählt, dass er sich unsicher fühlt oder kaum noch Freude am Training hat, spricht er also mit jemandem, der nicht nur über das kommende Spiel, sondern auch über seine sportliche Zukunft mitentscheidet. Da überlegt man sich verständlicherweise schon, was man sagt und was man lieber stecken lässt. Der Gamechanger hier ist hier: Vertrauen.
Vertrauen zeigt sich deshalb im täglichen Umgang: Erklärt der Trainer seine Entscheidungen? Weiß der Spieler, was von ihm erwartet wird und woran er arbeiten soll? Kann er nachfragen, ohne dass ihm die Frage gleich als mangelnder Wille ausgelegt wird? Auch eine unangenehme Entscheidung lässt sich klar und respektvoll vermitteln. Auf der Bank zu sitzen wird dadurch nicht besser, aber der Spieler muss sich zumindest nicht den Kopf zerbrechen, warum er da sitzt.
Ralf Rangnick betont in „Mind Match Fußball“, wie wichtig eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit im Verein ist. Das betrifft für ihn ausdrücklich auch die Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzten. Der Trainer arbeitet schließlich selbst unter Ergebnisdruck und braucht Menschen, denen er vertrauen kann und mit denen er sich verlässlich austauschen kann.
Für mich gehört ein Blick auf die Stimmung und die Zusammenarbeit zur Betrachtung von Leistung dazu. Wir erwarten von Spielern beispielsweise, dass sie auf dem Platz Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und nach Fehlern weitermachen. Dann lohnt sich auch die Frage, wie viel Gelegenheit sie im Trainingsalltag bekommen, genau das zu tun. Oder wie auf sensible Themen reagiert wird, die ein Spieler von sich aus anspricht. Welche Art von Gespräch entsteht daraus?
Gute Leistungen sagen wenig darüber, wie es einem Spieler geht
Solche Gespräche sollten übrigens auch regelmäßig stattfinden, wenn ein Spieler seine Leistung bringt. Per Mertesacker hat nach einer sehr erfolgreichen Karriere beschrieben, wie sehr ihn der Druck vor den Spielen belastete. In „Mind Match Fußball“ greifen die Autoren seinen Bericht auf: wiederholte Toilettengänge, Durchfall, Würgereiz vor dem Anpfiff. Gleichzeitig spielte er über Jahre auf höchstem Niveau und wurde Weltmeister. Wer nur seine sportliche Laufbahn betrachtet, erfährt wenig davon, wie anstrengend er diesen Alltag erlebt hat.
Das gehört für mich in jede Diskussion über mentale Stärke. Wir sehen, dass jemand spielt, Zweikämpfe gewinnt und Verantwortung übernimmt. Wie es ihm vor dem Anpfiff, nach dem Spiel oder an den Tagen dazwischen geht, sehen wir nicht und wissen wir nicht. Auch ein verlässlicher Leistungsträger, ein „Mentalitätsmonster“ und „Lautsprecher“ kann erheblich unter seinem Job leiden.
Deshalb würde ich Gespräche über das Befinden eines Spielers genauso selbstverständlich und regelmäßig führen wie Gespräche über seine Leistung. Hat sich seine Freude am Training verändert? Kommt er zwischen den Spielen zur Ruhe? Gibt es etwas, das ihn schon länger beschäftigt und für das bisher kein Platz war? Die Antworten verdienen Aufmerksamkeit und helfen uns, den Spieler und seine Situation besser zu verstehen – auch wenn am Spieltag wieder ein gutes Spiel auf dem Auswertungsbogen steht.
Was das für meine Arbeit mit einem Spieler bedeutet
Bei meinem Spieler war der Ausgangspunkt seine eigene Beobachtung: Die Freude fehlte, die Beine fühlten sich schwer an, vertraute Dinge gelangen ihm schlechter, er spielt “Grütze”, wie er selbst sagte. Er konnte ziemlich genau beschreiben, was sich verändert hatte. Damit war noch keine Ursache geklärt, aber wir hatten etwas, mit dem wir arbeiten konnten. In dem Fall war der öffnende und verändernde Moment, dass er als Kapitän das Gespräch mit dem Trainer und der Mannschaft gesucht hat. Vielleicht ist es ja auch ein Zeichen guter Mentalität, dass er das gut vorbereitet und gut umgesetzt hat und so wieder zu seinem Spaß am Fußball zurückgefunden hat? Ich zumindest sehe das so.
Als Coach und psychosozialer Berater interessiert mich, wie der Spieler solche Situationen erlebt, welche Gedanken ihn beschäftigen, welche Erwartungen er an sich stellt und welche Möglichkeiten er im Umgang damit sieht. Dazu gehört auch, genauer hinzuschauen, wo die Zusammenarbeit im Verein schwierig geworden ist und was er dort ansprechen möchte. Völlig klar, dass im Profifußball am Ende auf die Leistung geschaut wird. Das ist der Job und die Erwartungen sind hoch. Wenn’s nicht läuft, ist der erste Schritt zurück zu Spaß und Leistung ist immer die klare Erkenntnis darüber, was gerade nicht stimmt.
Als Jugendtrainer und Coach für mentale Gesundheit beschäftige ich mich diesen Themen auch im Alltag. Wenn Dich als Spieler oder Trainer etwas aus diesem Artikel beschäftigt, können wir in einem kostenlosen Erstgespräch gemeinsam schauen, worum es geht und wie ich unterstützen kann.