Empathie, die neue Superkraft?
Empathisch sind wir doch eigentlich alle, oder?
Ich halte mich für einen empathischen Menschen, na klar. Aber das sagen wahrscheinlich ziemlich viele von sich. Wer würde schon freiwillig sagen: „Hey, ich bin übrigens nicht empathisch. Ansichten und Gefühle anderer sind mir eher wurscht.“
Wenn wir mal kurz in uns gehen und ehrlich sind kennen wir alle folgende Situation: Jemand erzählt uns etwas und während er noch spricht, formulieren wir im Kopf schon unsere Antwort. Oder ein Kollege bringt Argumente gegen einen Vorschlag, den Du gemacht hast, und wir überlegen sofort, wie wir ihn doch noch überzeugen können. Ein Mitarbeiter ist unzufrieden oder verärgert, und in unserem Kopf läuft bereits die Suche nach einer Lösung. Faktisch hören wir also zu, sind gedanklich aber oft schon wieder bei uns selbst.
Empathie hat einen wirklich hervorragenden Ruf. Inzwischen wird sie im Zusammenhang mit Führung, Zusammenarbeit und Kommunikation sogar gerne als „Superkraft“ bezeichnet. Oder bei Bewerbungsprozessen sogar schon als eine Conditio sine qua non. Bei so viel Verherrlichung darf man gerne auch mal etwas vorsichtig sein. Zumindest lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Beginnen wir also mit der erdnahen Hypothese, die Fähigkeit, mitzubekommen, was in einem anderen Menschen gerade wirklich passiert, könnte im privaten wie auch im beruflichen Miteinander tatsächlich wichtiger sein, als wir manchmal denken.
Verstehen heißt noch lange nicht zustimmen
Also, was passiert da eigentlich, wenn wir empathisch sind? Psychologisch gesehen laufen dabei mehrere Prozesse gleichzeitig ab: Wir nehmen die Gefühle und die Perspektive eines anderen Menschen wahr, versuchen, seine Situation gedanklich zu verstehen, und reagieren möglicherweise auch emotional darauf. Ich erkenne also nicht nur, dass da jemand zum Beispiel traurig, wütend oder verunsichert ist. Ich versuche auch zu erfassen, was hinter diesem Gefühl steckt und warum die Situation für diese Person gerade so belastend oder wichtig ist. Dabei bleibt entscheidend: Ich nehme die Emotion des anderen wahr und kann sie vielleicht nachempfinden, aber sie wird nicht zu meiner eigenen. Ich verstehe, was in ihm vorgeht, ohne selbst genau dasselbe zu fühlen.
Das klingt erstmal theoretisch, macht im Alltag aber einen großen Unterschied. Ich kann beispielsweise verstehen, warum ein Kollege sauer auf mich ist, muss aber deshalb noch lange nicht seine Sicht der Dinge teilen. Ich kann nachvollziehen, warum ein Mitarbeiter eine Entscheidung unfair findet und trotzdem zu dem Schluss kommen, dass die Entscheidung richtig war. Und ich kann verstehen, warum meine Partnerin auf etwas empfindlich reagiert, obwohl ich selbst dieselbe Situation vollkommen anders erlebe.
Empathie verlangt also nicht, dass ich meine eigene Perspektive aufgebe. Ich nehme für einen Moment nur noch eine zweite dazu. Vielleicht ist mir deshalb der Satz „Verstehen heißt noch lange nicht zustimmen“ so wichtig. Denn sobald wir Empathie mit Zustimmung verwechseln, wird sie weich und irgendwie auch sinnlos. Richtig eingesetzt, gerade dort, wo Menschen unterschiedlicher Meinung sind, kann Empathie tatsächlich eine Superkraft sein.
Im Job wird Empathie ziemlich praktisch
Und genau damit sind wir mitten im Berufsleben. Denn dort treffen ständig Menschen aufeinander, die unterschiedliche Interessen haben, mit Druck unterschiedlich umgehen und dieselbe Situation teilweise komplett anders empfinden und bewerten. Der Chef will eine Entscheidung umsetzen, der Mitarbeiter hält sie für falsch. Der Vertrieb verspricht etwas, was die Fachabteilung anschließend irgendwie hinbekommen soll (und keinen Bock drauf hat). Der Kunde ist sauer, obwohl man selbst findet, dass man eigentlich alles richtig gemacht hat. Kennt man alles, oder?
Empathie kann in solchen Situationen einen ziemlich handfesten Vorteil haben: Ich bekomme zuallererst mal mehr Informationen, mit denen ich arbeiten kann. Wenn ich verstehe, was hinter einer Position des anderen steckt, weshalb jemand blockiert, worüber er sich ärgert oder was ihm an einer Sache wichtig ist hilft mir das beim Führen, Verhandeln, Verkaufen oder schlicht beim Versuch, einen Konflikt vernünftig zu lösen. Das nimmt der Empathie übrigens direkt auch ein bisschen der aktuellen Business-Wellbeing-Romantik, die da ab und an mitschwingt.
Satya Nadella, CEO von Microsoft, geht noch einen Schritt weiter. Er hat Empathie zu einem zentralen Bestandteil seines Führungsverständnisses gemacht und verbindet sie ausdrücklich mit Innovation. Seine Überlegung dahinter ist ziemlich einleuchtend: Unternehmen entwickeln gute Produkte, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Kunden erkennen und auch verstehen. Gerade auch die Bedürfnisse, die diese selbst noch nicht mal bemerkt oder gar sauber formuliert haben. Und dafür muss man die Welt zumindest für einen Moment aus deren Perspektive betrachten.
Ich finde diese Herangehensweise schlau, nachvollziehbar und mag sie auch deswegen, weil sie Empathie aus dieser etwas kuscheligen Ecke herausholt. Wer Menschen besser versteht, versteht möglicherweise auch besser, was sie brauchen, was sie antreibt und warum sie sich so verhalten, wie sie sich eben verhalten. Und damit lässt sich im Geschäftsleben durchaus auch wirtschaftlich etwas anfangen.
Empathie kann man lernen
Wenn Empathie im Alltag und im Beruf so hilfreich sein kann, wäre es schade, wenn nur manche Menschen dazu fähig wären und alle anderen nichts an ihrer Unfähigkeit ändern könnten. Ganz so ist es aber zum Glück nicht. Psychologisch wird Empathie zwar auch als persönliche Disposition beschrieben, Teile davon lassen sich aber schon auch trainieren. Vor allem die Art, wie wir zuhören, nachfragen und versuchen, die Perspektive eines anderen Menschen zu verstehen.
Und da wird‘s dann erstaunlich unspektakulär. Eine der wirksamsten Techniken ist beispielsweise das Paraphrasieren: Ich gebe mit meinen eigenen Worten wieder, was ich vom anderen verstanden habe. „Wenn ich Dich richtig verstehe, ärgert Dich weniger die Entscheidung selbst, sondern dass Du vorher überhaupt nicht einbezogen wurdest.“ Der andere kann dann sagen: Genau. Oder eben: Nein, darum geht es gar nicht. Beides ist ein klarer Erkenntnisgewinn und bringt das Gespräch weiter.
Das klingt simpel, ist aber gar nicht so einfach. Denn meistens wollen wir nach einem Satz des anderen sofort reagieren, erklären, relativieren oder einfach Recht haben. Empathisches Zuhören verlangt aber für einen Moment etwas anderes: Klappe halten und wirklich zuhören. Hilfreich sind dabei auch Fragen, die nicht sofort auf eine Lösung zielen: „Was genau stört Dich daran?“, „Was ist Dir dabei wichtig?“ oder „Was habe ich vielleicht noch nicht verstanden?“
Empathie trainieren und auch gezielt einsetzen heißt für mich deshalb vor allem, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen und die eigene quasi permanente Interpretation zwischendurch auch mal sein zu lassen. Gedankenlesen steht nämlich selbst bei einer Superkraft nicht im Lastenheft.
Also doch eine Superkraft?
Also, ist Empathie jetzt wirklich eine Superkraft? Zumindest mir ist der Begriff immer noch ein bisschen zu groß. Aber die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich verstehen zu wollen, bevor ich ihn bewerte, korrigiere oder von meiner Sichtweise überzeuge, ist schon ziemlich wertvoll.
Vor allem deshalb, weil wir dadurch mehr mitbekommen. Was beschäftigt mein Gegenüber wirklich? Was ist ihm wichtig? Woher kommt sein Widerstand? Was habe ich bisher vielleicht übersehen? Das macht Gespräche nicht automatisch harmonischer und Konflikte lösen sich deshalb auch nicht plötzlich in Wohlgefallen auf. Wäre ja auch zu schön. Aber ich habe eine bessere Grundlage, um zu entscheiden, wie ich mit einer Situation umgehen möchte. Im privaten Gespräch genauso wie als Führungskraft, Elternteil oder Verhandlungspartner – und eben auch in Unternehmen bei der Produktentwicklung.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke von Empathie: Für einen Moment den eigenen Film anzuhalten und sich ernsthaft dafür zu interessieren, was gerade im Film des anderen passiert. Ich finde das vor allem superspannend. Ob daraus dann eine Superkraft wird, ist nicht so wichtig.
Wenn Du das Gefühl hast, dass es in Deinen Gesprächen, Konflikten oder im Umgang mit anderen immer wieder hakt, können wir uns das gemeinsam ansehen. In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir, worum es konkret geht und was für Dich ein sinnvoller nächster Schritt sein könnte.