Langeweile: Warum wir sie öfter aushalten sollten.

„Mir ist laaangweilig!“ Habt ihr Kinder? Dann kennt ihr den Satz entweder vom Rücksitz des Autos, beim Spazierengehen, im Restaurant oder in einem Museum, das eventuell das Interesse eines Pubertierenden nicht wirklich matcht. Und dann muss das Handy her, YouTube an, und schon ist wieder Ruhe im Karton. Das ist bequem und verständlich, nimmt Kindern aber auch die Gelegenheit, selbst einen Umgang mit Langeweile zu finden. Abgesehen davon ist Langeweile hin und wieder durchaus sinnvoll.

Mich interessiert dabei weniger die übliche Debatte darüber, ob wir alle zu viel aufs Handy schauen und was das nun mit uns macht; die ist inzwischen ziemlich durchgekaut. Viel interessanter finde ich, was in diesen kleinen Langeweile-Phasen passiert ist, in denen unser Kopf früher zwangsläufig eine Weile mit sich selbst klarkommen musste. Und hey, diese Momente hatten wir früher ohne Internet, Smartphone und Social Media tütenweise: Wir warteten auf Busse und Bahnen, saßen beim Arzt herum, fuhren stundenlang in den Urlaub und hatten irgendwann auch sämtliche Nummernschilder der vorbeifahrenden Autos durch und auch keinen Bock mehr auf „Ich sehe was, was Du nicht siehst“. Irgendwann fing der Kopf dann eben selbst an, sich zu beschäftigen: Gedanken nachhängen, Leute beobachten, herumfantasieren oder auf irgendeinen Blödsinn kommen. Ich fand das großartig. Von München bis Rimini hatte ich diverse Universen erschaffen (und auch wieder zerstört). Heute lässt sich dieses Momentum der beginnenden Langeweile meistens schon beseitigen, bevor es einem richtig fad werden kann.

Warum ein unangenehmes Gefühl durchaus einen sinnvollen Job haben kann.

Langeweile ist erstmal unangenehm, da müssen wir nichts schönreden. Wenn ich auf dem Balkon sitze, nichts tue und das genieße, ist das keine Langeweile, sondern Ruhe oder Muße. Langeweile fühlt sich anders an: Die Zeit zieht sich wie Kaugummi und man möchte bitte so schnell wie möglich raus aus der Situation.

Es gibt verschiedene Gründe für Langeweile. Eine Aufgabe kann uns zu wenig fordern, sie kann für uns gerade keinen Sinn machen oder schlicht nicht zu dem passen, worauf wir wirklich Lust haben. Deshalb kann uns übrigens auch etwas langweilen, das objektiv gesehen ziemlich anspruchsvoll ist. Wenn mein Kopf Feierabend hat, kann eine Doku über das Rhönradfahren hochkomplex sein – interessant wird sie dadurch aber noch lange nicht für jeden. Und dann natürlich das offensichtliche: Es ist einfach nichts los.

Psychologisch lässt sich das noch etwas genauer fassen: Langeweile kann auch entstehen, wenn das Verhältnis zwischen dem, was eine Aufgabe von uns verlangt, und dem, was unser Kopf gerade leisten kann, nicht passt. Und interessanterweise gilt das in beide Richtungen: Unterforderung kann langweilen, Überforderung aber ebenfalls – etwa wenn wir in eine Aufgabe gedanklich gar nicht richtig hineinkommen. Und da wird’s spannend: Langeweile signalisiert uns, zuallererst einmal Folgendes: „Hier gibt es gerade nichts mehr zu holen.“ Und genau dadurch bringt sie uns optimalerweise dazu, etwas zu verändern, die Aufmerksamkeit neu auszurichten, herumzudenken, etwas auszuprobieren oder uns mit der eigenen Gedankenwelt zu beschäftigen oder uns mit der eigenen Gedankenwelt zu beschäftigen und beispielsweise, wie ich als Kind im Auto, eine Galaxie mit dem Namen Schruwawa zu entwickeln (ist toll da, leg Dich aber nicht mit den Krawumms an).

Man kann Langeweile deshalb auch als eine Art psychologisches Selbstregulationssignal verstehen: Sie meldet uns, dass unsere Aufmerksamkeit gerade keinen guten Grip findet oder das, womit wir beschäftigt sind, für uns zu wenig Bedeutung hat – und erhöht damit den Impuls, etwas zu verändern. Aus Langeweile entsteht übrigens nicht automatisch Kreativität, aber sie kann einen Prozess anstoßen, der ohne sie vielleicht gar nicht begonnen hätte. Vorausgesetzt natürlich, wir beseitigen sie nicht schon beim ersten Auftauchen und greifen nach unseren digitalen Schnullern.

Der digitale Schnuller funktioniert nur kurz.

In genau diesem Moment, wenn Langeweile aufkommt und uns dazu bringen soll, selbst nach einer anderen Beschäftigung, Schruwawa oder irgendeiner Form von Inspiration zu suchen, haben wir dafür heute eine komfortable Abkürzung: Wir greifen zum Smartphone und müssen gar nichts mehr suchen. Wir müssen nur wischen. Und wenn der erste Content-Schnipsel nicht nach sieben Sekunden liefert, kommt eben der nächste. Oder das übernächste. Auswahl haben wir zum Saufüttern.

Wenig überraschend ist das nicht wirklich nachhaltig. Die Psychologin Katy Tam und ihr Kollege Michael Inzlicht haben dieses sogenannte „Digital Switching“ in sieben Experimenten mit insgesamt mehr als 1.200 Menschen untersucht. Das Interessante daran: Wenn sich die Teilnehmer langweilten, wechselten sie häufiger zwischen Videos und erwarteten auch, dass genau das gegen ihre Langeweile helfen würde. Tatsächlich passierte teilweise das Gegenteil. Wer häufiger wechselte oder vorspulte, langweilte sich stärker und empfand das Gesehene als weniger befriedigend, weniger interessant und weniger sinnstiftend.

Drei kleine Versuche, Langeweile wieder auszuhalten

Also gut, was machen wir nun mit der Langeweile? Vielleicht erstmal weniger, als wir inzwischen gewohnt sind. Wir müssen daraus kein neues Selbstoptimierungsprojekt machen, aber auch nicht jeden Sonntag zwei Stunden gelangweilt in der Küche herumsitzen. Ein paar dieser kleinen Leerstellen im Alltag wieder zuzulassen, reicht für den Anfang völlig.

  • Warten wieder warten sein lassen. An der Supermarktkasse, an der Bushaltestelle oder fünf Minuten vor einem Termin das Handy einfach mal in der Tasche lassen. Herumstehen, gucken, denken, Menschen beobachten. Klingt jetzt nicht besonders revolutionär, ist inzwischen aber fast schon ungewohnt.

  • Schau mal, worauf Du selbst kommst. Wenn Dir langweilig wird, such Dir nicht sofort eine Beschäftigung, sondern gib Deinem Kopf ein paar Minuten Vorsprung. Worauf hättest Du jetzt eigentlich Lust, wenn Dir niemand etwas anbietet? Etwas kochen, jemanden anrufen, Sport machen, lesen, rausgehen? Genau diese ureigene Suchbewegung ist ja eine der interessantesten Funktionen von Langeweile.

  • Dauerbeschallung reduzieren. Spaziergang, Autofahrt, Zugfahrt, Fahrrad – ich mag Hörbücher oder Podcasts wirklich gerne, aber es muss vielleicht nicht jede freie Minute irgendjemand in meinem Ohr reden. Ein bisschen Ruhe gibt Gedanken überhaupt erst die Chance, zu entstehen oder irgendwohin abzubiegen.

Bei wiederkehrender Langeweile genauer hinschauen.

Wenn mich dieselbe Aufgabe, Tätigkeit oder vielleicht sogar ein ganzer Bereich meines Lebens regelmäßig und massiv langweilt, kann das eine interessante Information sein. Bin ich unterfordert? Ist es nur Routine? Interessiert mich das Thema einfach nicht mehr? Fehlt mir Abwechslung, Herausforderung oder Bedeutung? Langeweile löst diese Fragen nicht, aber sie legt sie ziemlich zuverlässig auf den Tisch. Dauerhafte Unterforderung, fehlende Herausforderung und das Gefühl, mit den eigenen Fähigkeiten eigentlich kaum noch vorzukommen, können psychisch durchaus belasten.

Wenn Du merkst, dass Langeweile bei Dir inzwischen weniger eine gelegentliche Pause und mehr ein dauerhafter und deprimierender Zustand geworden ist, können wir uns das gemeinsam ansehen. In einem kostenlosen Erstgespräch können wir zunächst sortieren, was dahintersteckt und wo sich sinnvoll etwas verändern lässt.

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