„Lernt doch erst mal zufrieden zu sein!“

Ein lieber Freund und früherer Mitbewohner erzählte mir einmal von seinem Großvater. Der sagte zu ihm: „Ihr jungen Leute, ihr wollt andauernd das Glück. Lernt doch erst mal, zufrieden zu sein!“ Der Satz ist bei mir bis heute hängen geblieben. Er klingt zuerst ein wenig, nun ja, großväterlich. Aber der Gedanke dahinter kann viel mehr: Er räumt mit einem Wort auf, das wir viel zu groß gemacht haben.

Glück kommt und geht

Glück ist großartig! Eine gute Nachricht, ein unerwartet schöner Abend, Verliebtheit, Urlaub, ein Moment, in dem plötzlich alles passt. Das Doofe ist nur: Glück lässt sich schlecht festhalten. Es kommt wie der Clown aus der Torte, macht etwas mit uns und verschwindet wieder. Danach geht es im Alltag weiter, meistens ziemlich schnell, ungefragt und pünktlich.

Und trotzdem behandeln wir Glück gerne wie einen Zustand, den man irgendwann dauerhaft erreicht – schaut Euch die Bücherregale in Eurem Lieblingsbuchgeschäft an: meterweise Glück! Glück ist … Wenn der richtige Job da ist, die Beziehung stimmt, das Konto entspannter aussieht oder endlich mal wieder Ruhe eingekehrt ist, dann wird alles gut – dann bin ich glücklich.

Der Haken dabei: Wir gewöhnen uns erstaunlich schnell an das, was wir erreicht haben. Unser Belohnungssystem reagiert besonders stark auf Neues und auf Ergebnisse, die besser ausfallen als erwartet. Wird daraus etwas Vertrautes, fällt auch die durch Dopamin gesteuerte Reaktion schwächer aus. In der Psychologie spricht man vom Gewöhnungseffekt oder von hedonischer Adaptation: Der anfängliche Zugewinn an Wohlbefinden verliert mit der Zeit an Kraft. Der neue Job wird zum Job, die neue Wohnung zur Wohnung und so weiter. Kurz darauf taucht dann schon das nächste Ziel auf und mit ihm die nächste Bedingung, die erst noch erfüllt werden muss.

Warum Zufriedenheit verlässlicher ist als Glück

Zufriedenheit funktioniert anders. Sie braucht keine großen Fahnen oder Trommelwirbel. Und vielleicht der für uns alle beruhigendste Fact: Sie braucht kein klinisch aufgeräumtes Leben. Zufriedenheit entsteht, wenn wir das, was bereits da ist, zuerst einmal sehen und wertschätzen, während wir uns dann um das kümmern, was vielleicht noch fehlt.

Das klingt einfach, ist es aber nicht unbedingt. Unser Gehirn und damit auch unser Blick sind ziemlich gut darin, Dinge zu finden, die nicht so toll sind: Du willst mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Liebe, mehr Ruhe, ein paar Kilo weniger oder einfach mehr Lametta in Deinem Leben. Was schon toll ist in Deinem Leben, verschwindet bei einem Fokus wie dem gerade beschriebenen schnell im „Ich-will-Nebel“.

Aus diesem „Ich-will-Nebel“ bauen wir schnell ganze Glücksketten: Erst muss ich beruflich weiterkommen, dann mehr verdienen, dann entspannter leben können und irgendwann bin ich endlich da. Die Psychologie nennt diese Verknüpfung von Zwischenzielen mit einem späteren Glückszustand „Linking“. Je enger diese Ziele miteinander verkettet sind, desto leichter gerät die ganze Konstruktion ins Wanken. Dann ist der verpasste Zug nicht mehr nur ein verpasster Zug. Denn im Kopf gefährdet er bereits den Kundentermin, die daraus resultierende Anerkennung, die dann sicher eintreffende Beförderung und alles, was danach noch kommen sollte: Haus am See etc.

Bei Zufriedenheit ziehen wir eine breitere Bilanz. Da darf der Job gerade nerven, während die Beziehung richtig toll ist. Da kann Geld fehlen und trotzdem etwas im Leben stimmen. Da kann eine Beförderung ausbleiben, ohne dass deshalb alles andere auch kacke ist. Die einfache Formel der Zufriedenheit: Sie speist sich aus mehr als dem letzten Erfolg oder dem nächsten Ziel oder Wunsch. Auf den Tisch kommen hier die komplette Lebenssituation, die Beziehungen, der Wertekompass und die Handlungsmöglichkeiten. Zufriedenheit hängt also nicht an einzelnen Dingen oder Situationen. Darin liegt ihre Verlässlichkeit.

Vier Fragen gegen den „Ich-will-Nebel“

Wenn Zufriedenheit also aus einer holistischen Lebensbilanz entsteht, lohnt es sich, diese Bilanz auch gelegentlich mal aufzumachen. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist, aber da müssen wir jetzt durch: Bist Du noch da? Es geht direkt los:

  1. Was ist in Deinem Leben schon richtig gut?

    Wie oben schon beschrieben: Wir beschäftigen uns viel häufiger mit dem, was noch fehlt, nervt oder ganz dringend anders sein sollte. Schreib deshalb einmal auf, was gerade tatsächlich schon gut ist: Beziehungen, Gesundheit, Arbeit, Freundschaften, Freiheiten, ein sicherer Ort, Fähigkeiten, auf die Du Dich verlassen kannst. Dinge also, die im Alltag wenig Aufsehen machen und gerade deshalb schnell übersehen werden.

  2. Was fehlt Dir wirklich?

    Nicht jeder Wunsch ist gleich wichtig – zum Beispiel der nach mehr Geld. Mehr Geld kann notwendig sein, weil das vorhandene Budget kaum zum Leben reicht. Es kann aber auch bedeuten, dass der nächste potenzielle Gehaltssprung gerade beginnt, den eigenen Wert bestimmen zu dürfen. Es hilft, das auseinanderzuhalten.

  3. Was hast Du in der Hand?

    Achtung, hier wird’s stoisch. Epiktet unterschied ziemlich konsequent zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt. Wir können ein Gespräch vorbereiten, klar sprechen und gut zuhören. Die Reaktion des Gegenübers bekommen wir aber nicht mitgeliefert – die müssen wir nehmen, wie sie kommt. Wir können uns so gut wie irgend möglich bewerben, die Entscheidung trifft aber jemand anderes. Wir können vernünftig mit unserem Körper umgehen, eine Garantie auf Gesundheit gibt es trotzdem nicht.

  4. Wann ist es eigentlich genug?

    Geh mal kurz in Dich: Diese Frage stellen wir uns selten oder nie, was? Wie viel Einkommen wäre ausreichend? Wie groß muss die Wohnung sein? Wie viel PS braucht mein Auto? Wie viel Anerkennung brauche ich? Wie gut muss ich aussehen, wie erfolgreich, gelassen oder beliebt will ich werden? Zugegeben: Nicht alle diese Fragen kann man präzise beantworten – aber ganz ohne eigene Antwort bleibt die Latte komplett beweglich. Zufriedenheit braucht einen persönlichen Maßstab dafür, wann ein „genug“ erreicht ist.

Verschieb Dein Leben nicht auf irgendwann.

Ich finde, der Großvater meines lieben Freundes hatte mit seinem kleinen Satz einen ziemlich großen Punkt gemacht. Wer sein Leben ständig an das nächste Glück hängt, erlebt die Gegenwart nur als geduldeten Zwischenstand. Erst der neue Job, dann mehr Geld, dann die richtige Beziehung, dann das Haus am See – und irgendwo hinter dem Regenbogen soll es dann endlich losgehen. Nicht ganz überraschend ist unser Leben aber endlich – also: Lebt es nicht, als hättet Ihr noch eins in Reserve.

 

 

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Boreout: Anwesend sein, ohne gebraucht zu werden.