Boreout: Anwesend sein, ohne gebraucht zu werden.

Wenn man nicht mehr Teil des Spiels ist

Wir unterschätzen, was es mit einem Menschen macht, wenn er bei der Arbeit immer weniger gebraucht wird. Vor allem deshalb, weil man es lange kaum bemerkt. Die Kollegin, der Kollege ist am Arbeitsplatz, der Kalender ist voller Termine, es gibt die üblichen Meetings, Mails, Abstimmungen und kleinere Aufgaben. Alles da: anwesend, erreichbar und organisatorisch weiterhin eingeplant.

Und trotzdem verändert sich die eigene Rolle. Entscheidungen fallen häufiger woanders. Aufgaben werden kleiner oder verlieren an Substanz. Verantwortung, die früher selbstverständlich zur Position gehörte, wird langsam weniger, erst kaum merklich, später ziemlich eindeutig. Irgendwann stellt man fest, dass man im Unternehmen zwar noch vorkommt, aber dort, wo es zählt, immer seltener.

KI beschleunigt diese Verschiebung gerade. Sie übernimmt Aufgaben, an denen bisher Zuständigkeit, Erfahrung und oft auch ein gutes Stück beruflicher Wert hingen. Wer jahrelang für Analysen, Texte oder Auswertungen gefragt war und heute vor allem Ergebnisse prüft, erlebt Effizienzgewinn und Rollenverlust gleichzeitig. Ich selbst komme aus der Agenturkreation und habe viele Jahre als Texter gearbeitet. Ich sehe gerade einige wirklich gute Texter, die keine Aufträge mehr bekommen oder sich neu orientieren müssen. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Ein Teil der eigenen Arbeit verschwindet, ein anderer verliert an Wert, und die eigene Rolle ist oft schneller entkernt, als eine neue entstehen kann. Und damit man selbst. Mit Langeweile hat das nichts mehr zu tun.

Langweilig!

Langeweile ist eigentlich ein ziemlich harmloses Wort. Ein langer Nachmittag, wenig zu tun, ein komplett überflüssiges Meeting, der komplette Sommerurlaub eines Kunden in einem halbstündigen Call, you name it. Das kann man schon mal aushalten. Manchmal ist so ein ruhiger Tag sogar ganz angenehm, gerade dann, wenn die Wochen davor eher nach Dauerfeuer aussahen.

Darum finde ich das Wort „Langeweile“ bei Boreout auch befremdlich oder gar irreführend. Denn hier geht es ja nicht um ein paar ungefüllte oder sinnlos gefüllte Stunden, sondern um die Erfahrung, dass die eigene Arbeit immer weniger mit dem zu tun hat, was man eigentlich kann.

Boreout ist kein medizinischer Diagnosebegriff. Gemeint ist ein länger anhaltender Zustand beruflicher Unterforderung, bei dem Fähigkeiten, Verantwortung und Gestaltungsspielraum immer oder fast immer hinter dem zurückbleiben, was jemand eigentlich einbringen könnte. Der Arbeitstag kann dabei durchaus gut gefüllt sein; entscheidend ist, ob die Arbeit noch fordert, eine Teilhabe mit sich bringt und einen für alle erkennbaren Sinn hat.

Also, bitte unterscheiden: Man sitzt nicht zwingend herum und starrt aus dem Fenster. Meistens ist der Tag gut gefüllt, nur eben mit Tätigkeiten und Dingen, die einem kaum noch etwas abverlangen. Ein bisschen abstimmen, hier und da nochmal drüberschrubben, irgendwo etwas ergänzen, an einem Termin teilnehmen, wo alle Beteiligten schon im Vorfeld wissen, was bei rumkommt. Die Kollegin, der Kollege ist also durchaus beschäftigt. Bedeutung hat das für sie, für ihn aber nicht mehr.

Wenn die Arbeit ihren Sinn verliert

Ich halte wenig davon, dass jeder Mensch morgens laut lachend ins Büro tänzeln und dort seine persönliche Bestimmung verwirklichen muss. Das überfordert die Arbeit und meistens auch den Menschen. „Lieben, was man tut“ oder so ähnlich kennen wir alle. Zumindest für mich grober und manchmal sogar grob gefährlicher Bullshit-Bingo. Ein Job darf einfach ein Job sein. Aber, hier wird’s wichtig: Er sollte etwas mitbringen, das der eigenen Anwesenheit einen Sinn gibt: eine Aufgabe, für die man gebraucht wird, Entscheidungen, bei denen das eigene Urteil zählt. Oder, hey: Da sollte wenigstens ein Gefühl da sein, dass am Ende des Tages etwas entstanden ist, das ohne einen so nicht entstanden wäre.

Genau das geht bei dauerhafter Unterforderung verloren. In der Psychologie gibt es dafür den Begriff der Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Das klingt erstmal ein bisschen nach Lehrbuch, beschreibt aber ziemlich genau, was hier verloren geht: Wir Menschen brauchen die Erfahrung, dass unser Tun einen Unterschied macht. Das muss auch nicht immer gleich weltbewegend sein, ich persönlich muss nun nicht jeden Dienstagvormittag die Welt retten. Aber hin und wieder wär‘s schon schön.

Fehlt die Erfahrung der Selbstwirksamkeit bei der Arbeit über längere Zeit, verschiebt sich das ins Private. Denn wir verbringen einen erheblichen Teil unseres Lebens mit Arbeit, nehmen dort Rollen an, entwickeln Fähigkeiten, bauen Erfahrung auf, übernehmen Verantwortung und ziehen daraus eben auch einen Teil unseres Selbstbildes. Wenn all das plötzlich kaum noch gefragt ist, lässt sich die eigene berufliche Bedeutung nicht immer sauber vom eigenen Wert trennen. Man weiß theoretisch, dass man mehr ist als sein Job. Nach acht Stunden Bedeutungslosigkeit fühlt sich diese Erkenntnis allerdings etwas sehr theoretisch an.

Konkrete Anzeichen für Boreout

  • Du bist trotz geringer Arbeitsbelastung regelmäßig erschöpft

  • Du schiebst selbst einfache Aufgaben immer länger vor Dir her

  • Deine Konzentration lässt merklich nach

  • Du brauchst für kleine Aufgaben unverhältnismäßig lange

  • Du streckst Arbeit bewusst, damit der Tag gefüllt aussieht

  • Du vermeidest es, offen über Deine geringe Auslastung zu sprechen

  • Wenn Dich jemand fragt, wie es Dir geht, sagst Du: „Ist grad viel“, obwohl es nicht stimmt

  • Du bringst kaum noch eigene Ideen ein

  • Deine Motivation sinkt über Wochen oder Monate

  • Du wirst zynischer gegenüber Deiner Arbeit oder Deinem Unternehmen

  • Du zweifelst zunehmend an Deinen Fähigkeiten

  • Du hast das Gefühl, beruflich kaum noch gebraucht zu werden

  • Deine Unzufriedenheit wirkt sich auf Stimmung, Schlaf oder Privatleben aus

Wichtig: Keines dieser Anzeichen beweist für sich genommen einen Boreout. Entscheidend ist, ob mehrere davon über längere Zeit auftreten und erkennbar mit einer dauerhaften beruflichen Unterforderung zusammenhängen.

Die Inszenierung von Beschäftigung

Ab hier wird es ein bisschen absurd. Wer zu wenig auf dem Tisch hat, sagt das im Unternehmen normalerweise nicht ungefragt und laut. „Leute, ich bin mit meinem Zeugs so gegen 11 Uhr durch und weiß danach nicht mehr, was ich hier eigentlich soll!“ Das ist schlicht und ergreifend kein Satz, mit dem man sich für die nächste Gehaltsrunde oder Beförderung empfiehlt.

Also beginnt man, die vorhandene Arbeit zu strecken. Eine Mail bleibt etwas länger offen, eine Präsentation bekommt noch eine Runde, aus einer kurzen Abstimmung wird ein Termin und aus dem Termin ein Follow-up. Der Punkt bei Teams leuchtet grün, der Kalender sieht ordentlich aus, alles im grünen Bereich. Wer eh schon spürt, dass die eigene Bedeutung weniger wird, wird kaum darauf hinweisen, wie wenig Arbeit noch da ist. Das wäre ehrlich und vermutlich sogar vernünftig, kann im Unternehmen aber schnell die falschen schlafenden Hunde wecken. Also wird mit allen Mitteln der Kunst hohe Auslastung inszeniert, leider zumeist nachvollziehbar. Bringt das die Selbstwirksamkeit zurück? Nein.

Aber: Das kostet erstaunlich viel Kraft. Man erledigt die paar wenigen Aufgaben und erschafft gleichzeitig den Eindruck, es seien viel mehr. Man reagiert bewusst nicht zu schnell auf Mails, verteilt Kleinigkeiten über den Tag, perfektioniert Dinge, die längst gut genug sind, und entwickelt irgendwann eine erstaunliche Begabung dafür, aus einer Stunde Arbeit einen Vormittag zu machen. Oder, sehr beliebt bei den Kollegen: Man entwickelt sinnlose Nebenkriegsschauplätze. Das musst Du auf lange Sicht perfekt orchestrieren, damit es nicht auffliegt.

Mit der Zeit wird daraus eine eigene Arbeitsweise. Man hält einen Zustand am Laufen, den man eigentlich loswerden möchte, schlicht weil die offene Wahrheit riskanter erscheint als noch ein Meeting. Das wirklich Schlimme dabei: Mit jeder Stunde, mit jedem Tag und jeder Woche in dieser Arbeitsweise sinkt das Gefühl, dass man wirksam ist.

Warum spricht da keiner drüber?

Ich glaube, es gibt kaum einen beruflichen Zustand, über den sich schlechter offen sprechen lässt als über Unterforderung. Für Überlastung haben wir eine akzeptierte Sprache: zu viel Arbeit, zu wenig Leute, wirtschaftlicher Druck, permanente Erreichbarkeit, zu viele Projekte gleichzeitig. Man kennt das, man nickt, der Betriebsrat nickt im Zweifel auch. Wer dagegen sagt, dass er zu wenig zu tun hat oder seine Aufgaben schon lange nicht mehr zu seinem Profil passen, gerät ziemlich schnell in Erklärungsnot – je länger dieser Zustand schon anhält, umso mehr.

Was tun? Mit einer offenen und ehrlichen Ansage liefert man doch gleich den Beweis für die eigene Entbehrlichkeit. Wer sagt, dass seine Arbeit in drei Stunden erledigt ist, muss damit rechnen, dass jemand mal kurz nachrechnet. Vielleicht kommt dann eine neue, sinnvollere Aufgabe – vielleicht kommt aber auch jemand auf die Idee, dass es die aktuelle Stelle nicht mehr in Vollzeit braucht. In unseren wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist das kein abwegiger Gedanke, und mit KI im Raum schon gar nicht. Also hält man lieber den Mund, arrangiert sich, sucht den Fehler erstmal bei sich selbst und bleibt damit in einer verhängnisvollen Abwärtsspirale: „Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll geworden. Vielleicht fehlt mir einfach die richtige Haltung. Vielleicht sollte ich dankbarer sein. Vielleicht bin ich auch gar nicht mehr so gut, wie ich dachte.“ Solche Gedanken laden das Problem zuverlässig dort ab, wo es strukturell am wenigsten auffällt: beim Einzelnen.

Der Begriff Boreout hilft dabei übrigens nur begrenzt. Er ist keine medizinische Diagnose und klingt schnell nach dem hässlichen kleinen Bruder des Burnouts. Damit landet man sofort wieder bei der Langeweile und bei der despektierlichen Frage, ob jemand einfach mehr Eigeninitiative zeigen sollte.

Was kann man tun?

Die unangenehme Wahrheit ist: Boreout, mit einer Entstehungsgeschichte wie oben beschrieben, lässt sich nicht allein mit einer besseren Selbstführung lösen. Man kann Sport machen, meditieren, das Fliegenfischen anfangen oder am Wochenende einen Töpferkurs besuchen. Alles tolle Ideen. Am Montag sitzt man aber trotzdem wieder in derselben Rolle, mit denselben drei Aufgaben und derselben Frage, wofür man eigentlich noch gebraucht wird.

Deshalb muss das Problem dorthin zurück, wo es entstanden ist: in die Arbeit. Genauer gesagt in ein Gespräch über die eigene Rolle. Was soll ich hier künftig beitragen? Welche Verantwortung gehört tatsächlich noch zu meiner Position? Wo wird meine Erfahrung gebraucht? Und wo reden wir uns schon länger etwas schön?

So ein Gespräch wird meistens unangenehm, weil es an die Substanz geht. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Aufgaben nur schlecht verteilt sind und sich dies relativ leicht verändern lässt. Vielleicht gibt es ein neues Projekt, mehr Verantwortung oder eine andere Rolle im Unternehmen. Vielleicht kommt aber auch heraus, dass die eigene Position tatsächlich an Bedeutung verloren hat und dafür bisher nur niemand klare Worte gefunden hat. Und dann wird es prozessual gesehen einfach: Das Unternehmen muss beantworten, ob es für den Mitarbeiter perspektivisch noch eine sinnvolle Aufgabe gibt. Der Mitarbeiter muss beantworten, wie lange er bereit ist, auf diese Aufgabe zu warten.

Ich würde deshalb nach einem offenen Gespräch sehr genau darauf achten, was anschließend passiert. Kommt tatsächlich Verantwortung zurück? Verändert sich die Arbeit? Wird Erfahrung wieder gebraucht? Oder bleibt es bei freundlichen Sätzen und einem neuen Termin in sechs Wochen? Wenn sich nichts bewegt, ist auch das eine Antwort. Dann geht es irgendwann nicht mehr darum, den bestehenden Job interessanter zu gestalten. Dann geht es darum, Dich aus einer Rolle zu lösen, die nur noch auf dem Papier existiert – und eine neue zu finden, mit der es Dir unter dem Strich besser geht, weil Deine Arbeit dort einen Sinn macht und gewertschätzt wird.

Wenn Du Dich in mehreren Punkten wiedererkennst und Deine Situation genauer einordnen möchtest, können wir das in einem kostenlosen Erstgespräch gemeinsam anschauen. Ich arbeite als psychosozialer Berater und Coach für mentale Gesundheit mit Menschen, die beruflich feststecken, sich erschöpft fühlen oder das Gefühl haben, in ihrer Arbeit immer weniger vorzukommen. Im Gespräch gebe ich Dir eine erste Orientierung und wir schauen, was bei Dir gerade passiert und welche nächsten Schritte für Dich sinnvoll sein können.

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Was unsere Zeit mit unserer Psyche macht