Burnout-Prävention in Agenturen: Wie Führungskräfte und Teams Resilienz und mentale Gesundheit stärken
Wir kennen das alle – so oder so ähnlich: Die neue Kampagne (die mit dem Briefing aus der Hölle) muss endlich ins Laufen gebracht werden. Eine Kollegin ruft an, sie ist krank – und man fragt sich bereits, ob ihre Projekte jetzt mit auf dem eigenen Tisch landen. Da liegt bereits: Das Briefing für einen neuen großen Pitch. Der Chef meint, das könnte endlich mal wieder ein großer Kunde werden (den die Agentur auch dringend bräuchte). Zwei Kunden warten auf Rückruf. Mindestens einer davon ist ziemlich sauer, im Zweifel sogar zurecht. Ein Teammitglied aus der Kreation hat die Definition von „moralischer Tiefpunkt“ auf ein neues Level gehievt (im Zweifel auch zurecht) und um 2:37 Uhr nachts eine lange Ausrufezeichen-Mail an @alle geschrieben. Mit der eigenen To-do-Liste für heute hat man noch gar nicht angefangen. Ganz nebenbei: Man war noch nicht einmal auf der Toilette. Und warum ist eigentlich schon wieder kurz vor Mittag?
Warum gerade Agenturen ein erhöhtes Burnout-Risiko haben
Der Moment aus dem Intro ist kein Ausnahmezustand, das wissen wir alle – ich habe viele dieser Momente dieser gehabt. In vielen Agenturen gehören Arbeitstage wie dieser zum Alltag. Projektgeschäft, enge Deadlines, kurzfristige und ungeplante Jobs, die obendrauf kommen und eine ausgeprägte Pitch-Kultur sorgen dafür, dass Arbeitsbelastung häufig in Wellen kommt – und diese Wellen manchmal kaum noch abflachen. „Das muss man dann eben managen“, heißt es so schön. Habe ich auch immer gesagt.
Dazu kommt die besondere Dynamik der Kreativbranche: Die Jobs sind hier nicht nur operativ, sondern vor allem auch emotional und kognitiv fordernd. Ideen entstehen nicht auf Knopfdruck, müssen aber oft unter hohem Zeitdruck geliefert werden. Gleichzeitig erwarten Kunden schnelle Reaktionen, hohe Qualität und maximale Flexibilität. Wenn die Agentur dann auch noch im Award-Business unterwegs ist, kommen kräftezehrende Goldrunden dazu. Ergebnis? Dauerstress. Wo soll da die nächste Kampagnenidee, Goldidee oder der strategisch gut hergeleitete und überraschende Insight denn noch herkommen?
Abgesehen davon: Wenn der Tank schon länger leer ist, wenn Stressphasen zur Normalität werden und Erholungszeiten fehlen, steigt das Risiko für chronische Überlastung – und damit auch für Burnout. Wichtig ist hier die Früherkennung, denn Burnout entsteht selten plötzlich. In den meisten Fällen entwickelt er sich schleichend, wenn über längere Zeit zu viel Energie abgegeben wird und zu wenig Regeneration stattfindet. In diesen Phasen, in denen man längst schon mitten in einer beginnenden Überforderung steckt, kommen perfiderweise auch noch manchmal richtig gut Ideen, richtig gute Lines oder ein neuer Look, der alles andere, was bis jetzt auf dem Tisch liegt, pulverisiert. „Geht doch!“, denkt man sich. Und das ist trügerisch. Genau hier beginnt die Verantwortung von Führungskräften und HR.
Burnout entsteht selten plötzlich – sondern strukturell
Zuerst mal kurz zurechtrücken: Burnout wird oft als persönliches Problem beschrieben. Also als etwas, das einzelne Mitarbeitende „trifft“, wenn sie einfach zu viel arbeiten oder nicht gut genug mit Stress umgehen. In der Realität entsteht Burnout jedoch selten durch individuelles Verhalten. In vielen Fällen entwickelt sich chronische Erschöpfung aus strukturellen Faktoren im Agenturalltag, wir hatten das ja schon etwas weiter oben im Blogartikel: Gerade in Agenturen gibt es einige typische Muster, Strukturen oder Haltungen, die auf Dauer belastend wirken können.
Ein Beispiel: Perfektionskultur. Wir kennen alle unsere üblichen Verdächtigen unter den Agenturen, die gute Ideen vielleicht gut finden, aber dann kommt gerne mal: „Hey, das sind doch nicht wir, das ist noch nicht XYZ-Niveau.“ Sprüche wie „Ganz nett aber keine Corvette“ kennen wir auch alle. Kreation soll nicht nur funktionieren, sondern möglichst unique sein, vielleicht sogar Kunst? Aber zumindest doch bitteschön irgendeinen Award mitnehmen. Dieses Konglomerat an Ansprüchen kann durchaus inspirierend und motivierend sein – es kann aber auch dazu führen, dass Ergebnisse selten als „gut genug“ bewertet werden und die Arbeitsintensität so dauerhaft hoch gehalten wird.
Für Führungskräfte und HR liegt genau hier der entscheidende Ansatzpunkt der Burnout-Prävention: Nicht nur individuelle Resilienz zu stärken, sondern auch Arbeitsstrukturen zu schaffen, die mentale Teamgesundheit und nachhaltige Leistungsfähigkeit ermöglichen. Eigentlich kein Hexenwerk, schauen wir uns das mal an.
Die Rolle von Führungskräften in der Burnout-Prävention
Burnout-Prävention beginnt fast immer bei Führung und Unternehmenskultur. Denn Führungskräfte bestimmen nun mal, wie die Arbeit organisiert wird, wie mit Belastung umgegangen wird und welche Erwartungen im Team als normal gelten. Hier vier zentrale Hebel für Führungskräfte:
1. Psychologische Sicherheit. Teammitglieder müssen offen sagen können, wenn es zu viel wird oder Deadlines unrealistisch sind. Oder auch wenn das Briefing Bullshit ist (wie oft wird still und ergeben auf wirklich schlechten Briefings geackert?) Überlastung wird oft stillschweigend ausgehalten, weil niemand als „nicht belastbar“ gelten möchte. Führungskräfte können hier aktiv gegensteuern, indem sie Überforderung früh ansprechen und Feedback ausdrücklich erwünschen – statt nur Ergebnisse einzufordern.
2. Realistische Projektplanung. Gerade im Agenturalltag neigen Projekte dazu, sich schleichend zu verdichten: Zusätzliche Motive, bisschen Testen obendrauf, nicht enden wollenden Korrekturschleifen, kurzfristige Terminänderungen, parallele Deadlines... Gute Führung bedeutet hier, Projekte so zu strukturieren, dass intensive Phasen auch wieder enden dürfen.
3. Priorisierung statt Dauerüberlastung. Kennen wir auch alle: Drei Menschen stehen vor Dir und jeder claimt für sein Projekt höchste Priorität. Wenn aber alles gleichzeitig höchste Priorität hat, hat letztlich nichts mehr Priorität. Die Aufgabe der Führungskräfte ist hier ihrem Team zu helfen, indem sie klar entscheiden, was für den Moment wirklich wichtig ist – und was auch einmal warten kann.
4. Vorbildverhalten. Teams orientieren sich stärker an dem, was Führungskräfte vorleben, als an dem, was sie offiziell kommunizieren. Wer selbst dauerhaft erreichbar ist, spät abends noch Mails schreibt und Pausen überspringt, sendet eine klare Botschaft: Genau so funktioniert das hier! Habe ich selbst oft falsch gemacht.
Das wichtigste Take-Away für Führungskräfte ist somit: Burnout-Prävention bedeutet nicht nur Strukturen, Programme oder Workshops. Sie beginnt im Alltag – mit bewussten Entscheidungen, Klarheit beim Setzen von Erwartungen, einer offenen Feedback- und Fehlerkultur und im transparenten Umgang mit Belastung. Oder ganz kurz: Mit Verantwortung.
Was Mitarbeitende selbst für ihre Mentale Gesundheit im Agenturalltag tun können
So wichtig verantwortungsvolle Führungskräfte auch sind – mentale Stabilität entsteht auch im eigenen Arbeitsalltag. Gerade in Agenturen, in denen Projekte dynamisch bis chaotisch verlaufen und Belastung nicht immer planbar ist, spielt Selbstführung eine wichtige Rolle. Hier vier einfache Hebel für Mitarbeitende:
1. Eigene Stresssignale früh wahrzunehmen. Dauerhafte Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, schlechter Schlaf oder das Gefühl, permanent unter Strom zu stehen und nicht mehr runterzukommen, sind oft frühe Hinweise darauf, dass Belastung dauerhaft zu hoch ist. Diese Signale ernst zu nehmen bedeutet nicht Schwäche, sondern Stärke und Selbstverantwortung. Diesbezüglich wichtig: Mentale Gesundheit ist kein Zustand, sondern eine Haltung.
2. Bewusster Umgang mit Grenzen. In vielen Agenturen gehört es zum Selbstbild, besonders belastbar zu sein. Doch dauerhaft „alles mitnehmen“ zu wollen – jedes Projekt, jede kurzfristige Anfrage, jeden Pitch – führt selten zu nachhaltiger Leistungsfähigkeit. Grenzen zu setzen bedeutet nicht, weniger engagiert zu sein. Es bedeutet, die eigene Energie so einzusetzen, dass sie langfristig erhalten bleibt. Gerne mal ein bisschen drauf rumkauen: Grenzen zu setzen ist ein Akt von bewusst gelebter Selbstverantwortung.
3. Kurze mentale Pausen in den Arbeitsalltag einplanen (im Kalender). Kreative und konzeptionelle Arbeit erfordert hohe Konzentration. Ohne regelmäßige Unterbrechungen sinkt die Leistungsfähigkeit oft schneller, als man denkt. Schon wenige Minuten Abstand – ein kurzer Spaziergang, ein bewusstes Durchatmen oder einfach der Blick weg vom Bildschirm – können helfen, den Kopf wieder durchzublasen und zu sortieren.
4. Selbstführung praktizieren und die eigene Energie bewusst einsetzen. Genau überlegen und reinfühlen, was geht – und was dann halt nicht mehr geht. Das klappt übrigens nie perfekt – aber man wird aufmerksamer sich selbst gegenüber, je öfter man in sich reinhört. Was Du davon hast: Du lernst rechtzeitig gegenzusteuern, bevor Dauerstress zur Normalität wird.
Organisatorische Sofortmaßnahmen für mehr mentale Stabilität im Agenturalltag
Neben Führungskultur und individueller Selbstführung gibt es auch ganz praktische Hebel im Arbeitsalltag von Agenturen. Kleine organisatorische Anpassungen können bereits spürbar dazu beitragen, Dauerstress zu reduzieren und die mentale Stabilität im Team zu stärken. Einige Maßnahmen lassen sich sogar ohne große Umstrukturierung sofort ausprobieren. Hier fünf schnell umsetzbare Hebel für die Organisationsstruktur:
1. Fokuszeiten ohne Meetings einführen
Viele Agenturmitarbeitende arbeiten den ganzen Tag in einem Dauerbeschuss aus Meetings, Teams, Slack, Anrufen, spontanen Abstimmungen oder einem dieser gefürchteten „Arschbackenbriefings“. Für konzentrierte kreative Arbeit bleibt dann kaum Raum. Feste Fokuszeiten – zum Beispiel zwei bis drei Stunden ohne Meetings – schaffen wieder echte Arbeitsphasen für Konzeption, Text oder Design.
2. Kurze und regelmäßige Projekt-Check-ups statt Dauerstress
Viele Belastungen entstehen, weil Projekte erst dann besprochen werden, wenn es längst brennt. Kurze regelmäßige Check-ups im Team helfen, Engpässe früher zu erkennen und Arbeit besser zu verteilen. Kurzanleitung: Tägliche knackige 15 Minuten in der Früh, jeder berichtet kurz seinen Status und gibt nach Smiley-Logik an, ob er im Zeitplan ist. Etwaige Problemlösungen werden ausgelagert und nachher im 1-to-1 besprochen.
3. Realistische Deadlines verhandeln lernen
Nicht jede Deadline ist in Stein gemeißelt. CDs, AMs oder PMs können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie Zeitpläne mit Kunden oder intern frühzeitig realistisch einschätzen und gegebenenfalls nachverhandeln.
4. Belastung im Team sichtbar machen
In vielen Agenturen weiß niemand genau, wer gerade wie stark ausgelastet ist. Eine funktionierende Projektplanung und damit ein simpler Überblick über aktuelle Projektbelastungen im Team hilft, Aufgaben besser zu verteilen und Überlastung früh zu erkennen.
5. Erholungszeiten bewusst schützen
Agenturarbeit verläuft oft in intensiven Projektphasen. Umso wichtiger ist es, dass nach besonders arbeitsintensiven Perioden auch wieder ruhigere Phasen möglich sind – ohne sofort das nächste Großprojekt nachzuschieben. Das sollte dann übrigens auch in Richtung Controlling durchsickern, wenn es um Weiterberechenbarkeit geht. Konkreter Vorschlag: Ein festgelegtes Stunden-Kontingent, das mit einer eindeutigen Beschreibung ins Timetracking eingetragen wird.
Mentale Gesundheit ist kein „Nice to have“, sondern ein Erfolgsfaktor
Agenturen leben von Begeisterung, Puls, Energie und nächtlichem Ping Pong mit Pizza und Augustiner. Das macht das Agenturleben aus, das habe ich geliebt – aber eben nicht immer. Das kann man mal für einen Pitch oder eine Kampagne machen - aber dann sollte man auch mal wieder nach Hause kommen, wenn es noch hell ist.
Mir ist folgendes wichtig: Burnout-Prävention bedeutet für mich nicht, Stress komplett zu vermeiden, das wäre realitätsfremd. Agenturarbeit wird immer Phasen haben, in denen es ein paar Nachtschichten braucht. Entscheidend ist vielmehr, wie Teams und Führungskräfte mit dieser Belastung umgehen: Optimalerweise mit klaren Prioritäten, einer offenen Kommunikation, bewussten Erholungsphasen und eine Arbeitskultur, die mentale Gesundheit thematisiert und ernst nimmt.
Gerade Führungskräfte und HR spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie können durch Vorleben und Strukturen nicht nur kurzfristige Leistung ermöglichen, sondern langfristige mentale Teamgesundheit fördern. Genau hier setzt meine Arbeit mit Agenturen an. Ich unterstütze Agenturen, Beratungen und Medienhäuser praxisnah und mit Stallgeruch dabei, mentale Gesundheit und Resilienz im Arbeitsalltag zu stärken – durch Workshops, Einzel- oder Gruppencoachings und praxisnahe Impulse für Führungskräfte und Teams.
Wenn Du Dich jetzt fragst, wie ich konkret mit Unternehmen / Agenturen zusammenarbeite, schau gerne auf meine Seite Coaching für Unternehmen. Kleiner Spoiler: Der Briefing-Prozess für eine Zusammenarbeit mit mir ist nicht weit weg von einem Briefing-Prozess, den ich mir in Agenturen auch von Kunden so gewünscht hätte.